Freitag, 18. November 2011

Der Wunsch nach Leben in allem Sein. – Andreas Webers "Alles fühlt".



Für die kleinste Zelle wie für den Menschen gilt: Es gibt kein Leben ohne Gefühle.

Dass Gefühle so in den Mittelpunkt rücken, das ist neu und genauso mutig wie der Titel des 2007 erschienenen Buches von Andreas Weber: Alles fühlt.

Wer nur rationalistisch-wissenschaftliche Aussagen erwartet und keinen Sinn haben mag für persönliche Ausführungen und Landschaftsbeschreibungen sollte die Finger von dem Buch lassen.
Dieses Buch ist nichts für nur linkshirnige Leser.

Für mich jedoch ist es ein absoluter Gewinn, weil es Zusammenhänge zu Aussagen herstellt, die mir schon immer viel bedeutet haben. Das gilt zum Beispiel für die Aussage von Novalis:

Der Sitz der Seele ist da, wo sich Innenwelt und Außenwelt berühren.
Wo sich sich durchdringen, ist er in jedem Punkte der Durchdringung.
Für Andreas Weber ist die Natur keine stumme Kulisse, sondern durchflutet von Ausdruckskraft. Immer ist das Empfinden der Wesen in deren körperlicher Gegenwart zugänglich. Der Wunsch nach Leben, der für Weber in allem Sein ist, durchtränkt die Materie, durchtränkt den Stoff mit dem einem Wesen innewohnenden Interesse am Leben; und dieses Interesse drängt immer in die Sichtbarkeit; das gilt für die Kröte genauso wie für den Fliegenpilz oder den Menschen. Und es gilt gerade auch für die Pflanzen.
Im Pflanzenreich ist besonders gut zu erkennen, wie sehr die Körperlichkeit der Pflanze, also ihre Gestalt, ihr Aussehen die Sehnsucht des Lebendigen zum Ausdruck bringt; in diesem Zusammenhang ist es für den Autor erstaunlich, wie sehr die Biologie in der Vergangenheit den ausdrucksvollen Charakter der Lebewesen aus den Augen verloren habe.
Jedes Lebewesen fühlt und in der Leiblichkeit jedes Wesens zeigt sich sein Fühlen. Webers Gedanke, dass Materie ohne Gefühl nicht möglich sei, wird vielen Wissenschaftlern in den Ohren dröhnen; schließlich gewinnt der körperliche, der materielle Ausdruck ein Recht und eine Bedeutung, wie wir sie aus anderen Bereichen, z.B. der Bioenergetik kennen, doch aber nicht aus der Biologie, nicht für Zellen und ganz einfaches Leben.
Fühlen und Liebe zur Natur und Natur, die fühlt und liebt: Klar werden noch lange Zeit viele Forscher diese Liebe und dieses Fühlen als eine nostalgische und romantische Denkklamotte ansehen - und schließlich kann man ja auch solches Denken als esoterisch brandmarken.
Vergessen wir, wenn wir das lesen, nicht: Webers Denken setzt auch ein einigermaßen intaktes Verhältnis zu Fühlen und Liebe voraus! Bei nicht wenigen Menschen ist das aufgrund ihrer familiären Sozialisation - denken wir an die Ergebnisse der Spiegelzellenforschung eines Joachim Bauer - gar nicht vorhanden. Wie wollen sie sich dann Webers Positionen öffnen?!
Alle Natur fühlt- Über diesen Zusammenhang schreibt Weber anschaulich, in Kenntnis aktueller Forschungsergebnisse, persönlich und lebendig.
Auf Dauer, so meine ich, werden die traditionellen Biologen nicht verheimlichen können, dass ihre Ablehnung solcher Gedanken damit zusammenhängt, dass dieses neue Bild vom autonomen, sich selbst organisierenden Leben ihnen Angst machen könnte. Es setzt eine Offenheit und ein Sich-Öffnen dem Leben gegenüber voraus, ein Ja-Sagen zum Leben, das vielen - nicht nur Biologen - nicht möglich ist. Die Einstellung zum Leben beginnt schließlich schon beim eigenen Gezeugtwerden und was dabei an Gefühlen einfloss, was sich an Fühlen in der Schwangerschaft abspielt und es hängt auch mit der Übernahme traditioneller, veralteter Denkmuster in der Schule zusammen, die womöglich noch lange gelehrt werden; ich habe z.B. noch keinen Schüler in der Oberstufe getroffen, der über die Spiegelzellenforschung eines Joachim Bauer informiert war, obwohl sie für unser Wirklichkeitsverständnis fundamental ist, gerade auch für die 17- und 18-Jährigen als zukünftige Mütter und Väter.
Kehren wir zu den Aussagen von Novalis zurück, denn sie bekommen auf dem Hintergrund von oben Gesagtem eine ganz neue Dimension; Inneres hat immer den Wunsch, sich zu äußern, und das Äußere erzählt uns vom Inneren. Und an der Schnittstelle von beidem, wo sich beides sozusagen vereint, dort ist der Sitz der Seele.
Jedes Leben, ob in der Zelle oder im Menschen, ist, so betont Andreas Weber, subjektiv, hat seine Subjektivität und organisiert sich selbst, denn jede Lebensform ist eigenständig und individuell und hat das Bestreben eine eigenständige Identität aufzubauen. Leben ist keine Abfolge von Ursache-und-Wirkungsmechanismen, die zwangsläufig ablaufen, sondern jedes Leben lebt sein Leben autonom. Jede Zelle betreibt Selbstschöpfung; sie investiert den größten Teil ihrer Zeit dahinein, die Ordnung in ihrem Inneren zu erhalten, zu stabilisieren, neu aufzubauen.
Eine einzige Körperzelle repariert in jeder Sekunde bis zu einem Dutzend von zerstörten DNA-Verbindungen. Andernfalls wäre ihr Leben bald zu Ende.
Da jedes Leben angefüllt ist mit Sinn und Gefühl, gewinnt Rilkes Weltinnenraum, über den ich an anderer Stelle geschrieben habe, eine neue Dimension, denn genau das ist der Raum, in dem alle Lebewesen miteinander kommunizieren. Der Weltinnenraum ist sozusagen die Heimat der Gefühle aller Lebewesen.
Für mich ist das ein gigantischer Gedanke, und für mich ist er wahr.
Und auch Goethes Wort in seinem Faust - Gefühl ist alles - gewinnt eine neue Dimension.
Es sind solche Bücher wie das von Andreas Weber, wie Arthur Zajoncs Die gemeinsame Geschichte von Licht und Bewusstsein oder Morris Bermans Wiederverzauberung der Welt, immerhin schon 17 Jahre alt, die Hoffnung geben, dass ein neues Bewusstsein sich erfolgreich Bahn bricht.
Als Lehrer sage ich: Schade, dass es oft Jahrzehnte dauert, bis solche Gedanken in die Lehrpläne Einzug halten, man denke nur an das Schicksal quantenphysikalischen Denkens im Zusammenhang mit Schule.
Na ja, bis das heliozentrische Weltbild sich durchgesetzt hat, hat es auch mehrere Jahrhunderte gedauert und schließlich sagen wir noch heute, die Sonne geht auf, obwohl sie ruhig am Firmament steht und wir uns drehen ... 
PS. Eine leider notwendige Nachbemerkung findet sich hier.
Cover und Zitate sind entnommen
Andreas Weber: Alles fühlt. Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaft.
Berliner Taschenbuch Verlags GmbH, Hamburg 2008.
Umschlaggestaltung: Rothfos & Gabler, Hamburg

Kommentare:

Any One hat gesagt…

Wirklich super Texte im Blog zu diesem sehr spannenden Thema, mein Kompliment, wirklich schade, dass es nicht mehr Kommentare und Feedback gibt! Habe mir das Buch sofort bestellt, danke also auch für den Tipp und vllt sag ich denn noch mal was ;)...

Johannes G. Klinkmüller hat gesagt…

Danke für das liebe Kompliment.
Ich finde es auch klasse, dass es mittlerweile solche Bücher wie das von Andreas Weber gibt und dass jemand in dieser Radikalität zu denken wagt wie er.

Mittlerweile gibt es ja noch einige, die in diese Richtung gehen und die Bedeutung der Intuition herausarbeiten.

Schade, dass ich nicht mehr Zeit habe, sonst würde ich dazu gern mehr einbringen ... vielleicht in den Großen Ferien wieder :-))

Du bist gern eingeladen, nochmal Dich zu melden :-))